Bruder Marten
Broders Bruder Marten war ein schweigsamer Junge, der keinen Schmerz kannte und nicht viel Federlesens machte. So war er es, obwohl der jüngere, der die schwierigeren Aufgaben erledigte. Marten war technisch begabt, nichts entging ihm und sein Mut flösste auch den wesentlich älteren Kindern der Umgebung Respekt ein. Broder dagegen wirkte unbeholfen und linkisch. "Was soll aus ihm mal werden?" , fragten sich Nachbarn und Verwandte. "Beamter" war die Antwort von Marianne Ebeling. Für ihre guten Taten sollte sie später das Bundesverdienstkreuz erhalten. Broder war Linkshänder, musste seine Schuhe mit Einlagen auslegen und er war ein Träumer. Seine Schuhe konnte er noch nicht binden, als er eingeschult wurde, was vielleicht auch daran lag, dass er als Linkshänder alles falsch anfasste und die beiden im Alltag nur Gummistiefel trugen. Die beiden Brüder verstanden sich so gut, dass sie sich fast nie stritten. Marten war genau 15 Monate jünger als Broder. Als Broder 3 Jahre alt war, liess er sich von seinem Bruder alles gefallen, obwohl er so viel älter und noch stärker war. Der Hofplatz war ihre kleine Welt. Hier konnten sie in der Erde wühlen, mit den landwirtschaftlichen Maschinen spielen, auf Max, dem Kaltblutpferd reiten, die ersten Klettertouren versuchen, mit Molli, dem Mischlingshund spielen, Gräben ziehen, Hütten bauen und Spatzen jagen. Der Hofplatz befand sich hinter der Gastwirtschaft. Von oben sag dieses Haus aus wie ein grosses E , an das noch eine grosse befahrbare Tenne angeflanscht war. Die Gastwirtschaft mit dem Wohnhaus und der Abnahme war von Nord nach Sued ausgerichtet, der Kuhstall schloss sich am nördlichen Teil von West nach Ost an. Im mittleren Bereich des Gasthauses war das Backhaus mit der Waschkueche angebaut. Im Osten wurde der Hofplatz vom ersten Gemüsegarten eingerahmt, dahinter lagen noch ein Schweinestall, der Hühnerstall und etwas nach Norden abgesetzt, die grosse Scheune. Südlich führte ein Weg zu den Feldern bis hin zur Jerrisbek, einem kleinen Fluß. Dahinter lagen noch der Kälberstall, der Gänsestall und die Torfscheune. Auf dem Hofplatz in der Ecke zwischen Stall und Gastwirtschaft stand ein grosser, mächtiger Baum. Zwei Birnbäume standen so prächtig, dass dort die leckersten Birnen wuchsen. Was aber später fuer die beiden Brueder, die Nachbarskinder und den Vater genauso wichtig war: die Stämme waren so gebaut, dass sie ein Fussballtor bildeten. Da das Tor aber genau vor dem Stall platziert war, mussten immer wieder kleine Fensterscheiben in den Stallfenstern dran glauben. Im Obstgarten standen weitere prächtige Birn, Apfel- und Pflaumenbäume. Im hinteren Gemüsegarten, der hinter dem Kuhtrieb von einer hohen Steinmauer eingerahmt wurde, befand sich noch die Mirabellen. Die einzelnen Beete waren überall von hohen Buchsbaumhecken umgeben. In der Mitte des Hofplatzes befand sich ein hohes Holzgerüst, dass sowohl als Schaukelgerät wie zum Festbinden der Pferde diente. Zwischen dem Backhaus und Stall lag ein kleiner Brunnen, daneben ein kleiner Sandkasten für die Kinder. Für Broder und Marten lag hier das Zentrum ihrer Unternehmungen mit zunehmendem Aktionsradius. Von diesem Sandkasten aus begannen sie den Hofplatz zu erobern, Gräben zu ziehen, Wälle und andere Befestigungen zu konstruieren. In ihrer Phantasie war der Hofplatz mal ein grosser Bauernhof mit Feld und Wiese, mal eine riesige Burganlage, mal ein Dorf, mal eine Stadt. Hier begann auch Broders erstes Liebesabenteuer. Die Enkelin des Molkeristen war zu Besuch. Gleich alt wie Broder waren sie früh ein Herz und eine Seele. Sagt man wohl so. Rosemunde Pilcher grüsst früh von der schleswigschen Geest. 4 Jahre waren die beiden alt und der Sandkasten ihr Liebesnest, die Schubkarre die Hochzeitskutsche und der Bräutigam zugleich der Kutscher. Sie waren drollig und heute noch empfand Broder die damalige Innigkeit ihrer gemeinsamen Spiele. 3 Jahr e lang war es so gewesen. Doch als Mimi sieben Jahre alt war und in den Ferien zum Grossvater kam, wollte sie von Broder überhaupt nichts mehr wissen und sperrte sich auf der Toilette in der Wohnung ihres Grossvaters ein, als Broder sie suchte. Wer verstand die Welt. Rosemunde Pilcher konnte auch ein Siebenjähiger damals noch nicht lesen.
Überhaupt lesen konnte er nicht, die Mutter fand immer weniger Gelegenheiten, vorzulesen und im ganzen Dorf Tollhuus gab es damals noch keinen Fernseher, der ihm die Irrungen und Wirrungen des Lebens erklären konnte. Da musste wohl die Küchenschürze der Mutter als Heultuch herhalten und die Mutter Trost spenden. Ja, seine Mutter hatte viel Trost zu spenden in jenen Tagen.
Des Nachts
Die Klarheit entsteht des Nachts, wenn an Schlaf nicht zu denken ist, weil das Gehirn nicht aufhört, zu rotieren. Plötzlich stellen sich die Fragen ein, die im Alltag keine Chance haben, ans Tageslicht zu kommen, jetzt aber ist sind sie da, unbequeme Fragen und das Gehirn sucht Antworten, weitere Fragen, weitere Antworten. Es spult wie ein Räderwerk, quälend, ohne aufzuhören. Es ist wie eine sternklare Nacht, so prächtig ist dieser Raum, das Gehirn, so unendlich weit. Aber angesichts der Unendlichkeit der Gedanken, angesichts der Frage wie sich das Nichts von der Unendlichkeit unterscheidet, angesichts der An
gst vor der Wahrheit, vor der Müdigkeit am nächsten Tag versucht er sich abzulenken. Manchmal gelingt es ihm aber nicht und die Gedanken treiben durchs Gehirn und er erinnert sich. Er erinnert sich an die ihm zugefügten Verletzungen und fragt sich, warum er es nicht verhindern konnte, dass diese Verletzung
en auch seinen Kindern wieder zugefügt wurden. Es war wie eine nicht endete Spirale. Warum hatte er nicht die Kraft besessen, sie zu vehindern mit seinen
Erfahrungen. Er erinnerte sich noch wie stolz er als Sechsjaehriger die 5 Stufen zum Schultor erklomm, um endlich lernen zu duerfen, wie er begann links in
Spiegelschrift zu schreiben und der Lehrer Grotte darum kaempfe, ihm diese Marote abzugewoehnen, oder wie sie, die Erstklaessler in der einlassigen Schule
morgens im Schulflur Spalier stehen mussten, um ihre Haende und ihre Taschentuecher vorzuzeigen. Die Hiebe auf den Handinnenflaechen mit dem Rohrstock spu
erte er immer noch. Wie oft hatte er geweint, weil er immer wieder den gleichen Text in sein Schoenschriftheft schreiben musste, weil er immer wieder klein
e Fehler gemacht hatte.Einmal musste er den Text elfmal wiederholen. Und der Lehrer war am naechsten Tag immer noch unzufrieden.Als haetten sich alle gegen
ihn verbuendet, haenselten ihn auch die aelteren Mitschueler. Staendig zwangen sie ihn alleine und weit hinter ihnen den 3 km langen Schulweg nach Hause z
u gehen. Und sein Sohn Ole, dem geschah eigentlich noch aergeres. Seine Lehrerin zwang ihn tagtaeglich dazu, nur stupide Schriftuebungen zu machen, Buchsta
ben fuer Buchstaben von der Tafel abzuschreiben, obwohl er eigentlich schon fliessend lesen und schreiben konnte. Broder hatte in der einklassigen Schule j
edenfalls noch die Chance, mal den aelteren Schueler beim Erdkunde- oder Naturkundeunterricht zuzuhoeren. Die Landkarte kannte er im ersten Schuljahr schon
besser als die anderen im dritten Jahr. Seine Qual war bis auf den Aeger mit der Schoenschrift nach ein paar Jahren ausgestanden. Der von Ole hoerte nicht
auf. 4 Jahre lang hatte er diese Lehrerin in fast allen wichtigen Faechern. Und auf der Gesamtschule ignorierten die Lehrer die taeglichen Haenseleien von
den Mitschuelern. Man aergerte ihn ob seiner langen Haare und seiner motorischen Probleme. Einmal hatte Broder miterlebt wie sich das abspielte. Sie waren
in der Eishalle. Ole konnte im Gegensatz zu seinem juengeren Bruder nur ganz mieserabel Schlittschuh fahren und schlich an der Bande entlang. Da waren sie
ploetzlich sechs, dieser suessen, unschuldig ausschauenden Maedchen im Alter von 11 Jahren und fuhren hinter ihm her und aefften jede seiner Bewegungen n
ach. Broder fuhr dazwischen. Heute ging durch seinen Kopf, warum er seinen Sohn damals nicht gefragt hatte, was sich damals in seiner Seele abgespielt hatt
e. Der junge Parsival laesst gruessen. Warum stellt man solche Fragen nicht. Oder hatte er das Gefuehl, dass Ole die Haenselei nicht gespuert hat. Er hat.
Heute wusste er das.
