Der Himmel wirkte so blau an diesem Tag,dass die Sonnenstrahlen ungehindert und fortwährend die Erde wärmten. Schmetterlinge waren augenscheinlich die einzigen Lebewesen , die sich flatterhaft durch die gleissende Luft bewegten. Es schien als ob sich eine ganze Landschaft reglos vor dem Betrachter ausbreitete. Der Duft von abertausend Blüten erfüllte die Luft genauso wie das Zirpen der Grillen. Es war,als ob Düfte und Klänge sich in sanfter Eintracht mit diese zeitlosen Ruhe befänden. Auch die Lerche,die jetzt hochstieg,um einen Choral zu intonieren,verstärkte dieses Gefühl von Ruhe noch. obwohl die Melodie so rasend schnell daherkam.
Das empfand auch der kleine Junge, der dort hinter der herzhaft herb riechenden Buchsbaumhecke auf einem von kleinen Rinnen übersäten Hofplatz spielte. Die Rinnen waren in seiner kindlichen Wahrnehmung kleine von ihm ausgehobene Gräben , die Felder und Wiesen umgaben.Ohne Hektik nahm seine kleine hornige Hand den sonnengewärmten Sand auf, um ihn ganz vorsichtig wieder und wieder durch seine Handflächen gleiten zu lassen . Ruhig betrachtete er diesen Vorgang, so oft er ihn wiederholte. Dabei schien er ganz in sich versunken, bis sein Name laut über den Hofplatz gerufen wurde. "Broder" rief sein Vater mehrfach:"Die Sau ferkelt.Du musst helfen" setzte er auf niederdeutsch fort. Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich der Vierjährige. Ernst blickte er drein,als wäre er sich einer großen Verantwortung bewusst. Mit tapferen, kleinen Schritten ueberquerte er den Hofplatz Richtung Sauenstall. Er wußte: eine Sau sollte ferkeln und sein Bruder, eigentlich viel geschickter als er, obwohl jünger, war für ein paar Tage bei Oma. Sein Vater erwartete ihn an der Tür zum Sauenstall. Sie blickten sich an bevor an seinem Vater vorbei den Sauenstall betrat. Wortlose Übereinstimmung. Der Vater schloß die Tür. Der Sohn ging vor. Auf beiden Seiten des Ganges lagen die Sauen in ihren Buchten. Eine fast heilige Ruhe empfing Vater und Sohn. Einige der Sauen hatten Ferkel neben sich liegen. Dann: Vor der vierten Bucht auf der rechten Seite blieb der Junge stehen,drehte sich, um über die Holzwand zu steigen. Aber in diesem Moment hob der Vater den Sohn schon zu der Sau rüber, die gerade ferkelte. Zwei Ferkel waren schon geboren. Die Sau presste heftig. Angst kam zwar nicht auf, aber eine große Spannung. Und die Ernsthaftigkeit dieses Ereignisses spiegelte sich in den Gesichtern von Vater und Sohn. Der Vater gesellte sich zum Sohn, den Ferkeln und der Sau. Er nahm einen nassen Lappen und wischte dem Vierjährigen über Arme und Hände. Beide knieten sich hinter der Sau nieder. Noch immer fiel kein Wort. Immer noch: Fast atemlose Stille erfüllte den Stall. Als ob auch in den anderen Buchten voller Mitgefühl der Ernst der Lage erkannt wurde. Oder ob auch die anderen Sauen im Stall der Mittagshitze Tribut zollten. Ohne Scheu führte Broder seine linke Hand und seinen Arm ganz selbstverständlich zwischen die schwulstigen Schamlippen in die weiche, schlüpfrige Vagina der Sau ein, tief preßte er seinen Arm in den Geburtskanal. Dabei musste er sich flach auf den Boden legen. Dem Betrachter fiel auf, dass sich auf dem Gesicht des Kindes Anstrengung genauso wiederspiegelte wie Vorsicht. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Broder seinen Arm zurückzog. Kurz darauf sollte das dritte,vor her quer zum Geburtskanal liegende Ferkel das Licht der Welt erblicken. Derweil huschte ein Lächeln über das ernste Gesicht des Jungen. Der Vater klopfte dem Sohn wohlwollend auf die Schultern. Sie wischten gemeinsam das Ferkel trocken und streichelten die Sau,um sie zu beruhigen. Nun war es angebracht, die Sau wieder in Ruhe zu lassen und abzuwarten. Es konnte durchaus sein, dass sie noch mehrfach unterstützen mußten. Der Vater hob den Sohn wieder über die Brüstung. In stiller Übereinstimmung verließen sie den Sauenstall,die Tür blieb jetzt einen Spalt offen. In der Küche wartete die Mutter schon mit dem Essen. Vater und Sohn überquerten den Hofplatz in Richtung Küche.Jetzt sprang der Sohn tanzend um seinen Vater herum, lachte und scherzte.
Als wäre es eine Heimat
Wir befinden uns nördlich,zwischen Marsch und Angeln,auf der Strecke zwischen Husum und Schleswig,mitten auf der schleswigschen Geest. Das ist dort, wo Hochzeitsgäste aus Angeln noch 1935 erstaunt waren, das auch hier -natürlich mit kräftiger Unterstützung durch Mist und Mineraldünger- auf goldgelben Kornfeldern Getreide heranreifte und Bäume wuchsen. Ehrlicherweise musste man natürlich gestehen, dass die Gäste nur Roggen-, Hafer- und ab und zu Gerstenfelder zu Gesicht bekommen hatten. Weizen gedieh auf der Geest einfach nicht. Die Marschbauern und die Angler schauten meist hochnäsig auf die armen Nachbarn auf der Geest herunter.
Viele Geschichten erzählte man sich in diesen Regionen über die armen Nachbarn von der Geest. So blieb den Geestbauern häufig nur ihr trockener Humor und Ironie,um sich zur Wehr zu setzen und die eigene wirtschaftliche Situation schön zu reden. Broders Vater erzählte z.B. gerne die Geschichte vom Eindruck schindenden Pelzmantel in der Idstedter Kirche, den sich illequide Angler Bauern ausliehen, wenn sie die Geestbauern aufsuchten, um sich von ihnen Geld zu leihen. Schaute man sich die Höfe in Tollhuus einmal genauer an, so erkannte man schnell, dass die Besuche der Angler Bittsteller hier eher rar gewesen sein müssen. Ja, an diesem Ort war eher bescheidener Wohlstand zu erwarten. In Tollhuus klebten alle Höfe wie eine aufgereihte Perlenkette an den Straßenrändern. Die Jannebyer Strasse mündet hier senkrecht in den Schnellweg von Husum nach Schleswig. Die Wohnhäuser waren fast ausschließlich angemessen dimensionierte Bauernhäuser. Nichts wirkte protzig, waren die Mauern aus einfachen Ziegel- und Lehmsteinen gebaut, so waren die Dächer oft mit Stroh, keinesfalls mit Reet bedeckt. Farbe blätterte fast überall von den Wänden, manche Stalltür war nur notdürftig geflickt. An der B200 standen die ältesten Gebäude. Kam man von Norden, so lag gleich rechts die Gastwirtschaft, links hinter einem Steinwall das älteste Gehöft des Ortes. Hier lebte einst Adolf Johannsen, früher der grösste Bauer des Dorfes. Auch von ihm soll noch erzählt werden. Rechts folgte, an der Jannebyer Strasse gelegen, die Schmiede. Wie zum Krug gehörte auch zur Schmiede eine Landwirtschaft. Der alte Schmied betrieb zudem einen florierenden Sauenschnelldienst. 8 Eber standen zur Verfügung, um die Sauen der Umgebung zu beglücken. Auf Anruf lud der Schmied einen Eber auf einen Hänger, um sie mit 17PS übers Land zu ziehen. Auf der anderen Seite der Kreuzung befand sich die Molkerei mit einer Filiale der Spar- und Darlehenskasse. Daneben das letzte Haus im Dorf, ein Gemischtwarenladen. Gegenüber auf der rechten Seite der B200 befand sich noch die Abnahme des Gehöftes von Adolf Johannsen. An der Jannebyer Straße befanden sich noch zwei Höfe, der Hof von Martin Martensen schräg gegenüber der Schmiede hinter der Molkerei. Am Dorfanfang lag der Hof von Holger Mommsen und gegenüber das Bauunternehmen von Ferdinand Mommsen.
Während die B200 seit einigen Jahren asphaltiert war, konnte die Jannebyer Straße kaum als solche bezeichnet werden. Ein Schotterweg verband Janneby und Tollhuus. So um die 100 Leute lebten in Tollhuus. Als Broder das Zählen gelernt hatte, war es ihm jede Anstrengung wert, die Dorfbevölkerung auf über 100 Einwohner wachsen zu lassen. Durch die Einbeziehung der Häuser der nächsten Umgebung gelang ihm dies auch hin und wieder. Insbesonders die Jensen's leisteten hier gute Dienste, denn sie hatten 5 Kinder, die im gleichen Alter wie Broder und seine 3 Geschwister waren - bis auf die Überzählige, sie war älter und anders als ihre Geschwister. Unter ihren Mobbingattacken litt Broder heftig auf dem 3 km langen Schulweg.
