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tollhuus3a

Veröffentlicht am 2022-05-10 00:00:00.0


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Einen Bogen spannen

So viele Autos hatten sie noch nie gezählt. Die Striche auf dem Zettel wuchsen und begannen das Blatt zu füllen. Wutt, Wuztt, Wutt ging es. Jedesmal ein Strich, jedesmal ein Auto. Adrenalien pur, Guinessbuch der Rekorde 1958.So was kannten sie noch nicht. So viele Autos hatte Tollhuus noch nie erlebt, nicht in der Stunde, nicht am Tage. Und alle fuhren sie in eine Richtung. Es war Sonntag, in Husum am Schloß blühten Tausende von Krokusse und die Sonne schien. Kein Wölkchen am Himmel, pures Blau - auch über Tollhuus. Gut, dass sie schon zählen konnten und auch gut, dass ihre Mutter ihnen den Trick mit den 5er Blöcken mit Querstrich beigebracht hatte, da konnten sie Ordnung halten auf ihrem Blatt. Sie, die beiden Jungen und das kleinere Mädchen mit dem rot gelockten Haar, saßen aufgereiht auf einem Steinwall unter hohen Bäumen an der Straßen und bemühten sich eifrig richtig zu zählen. Kein Auto zuviel, kein Auto zuwenig. Das verlangte selbt die kindliche Statistik, das selbst gedachte Guinessbuch der Rekorde. 1958. Die beiden Jungen schienen fast gleich alt, kräftig und blond, der eine heller, der andere ein wenig dunkler. Die Haare kurz, die Lederhosen auch. Die Wollstrümpfe schienen selbstgestrickt. Auffällig waren ihre Hände mit den dunklen Furchen und Rissen, die davon zeugten, dass es schwer war sie zu sauberzuhalten. Unter den Fingernägeln fand sich ein dunkler Rand, der dokumentierte, dass die beiden noch andere Werkzeuge kannten als Bleistift und Zettel. Wohl aber war es so, dass sie es liebten zu zählen und zu rechnen. Ihr Vater spielte Skat, sie rechneten lieber. Am liebsten zählten sie die Einwohner von Tollhuus, wie das Dorf auf platt genannt wurde. Vom kleinen Dorf zum großen Dorf waren es wenige Einwohner, die hinzugezählt werden mußten und die kamen dann aus den umliegenden Bauernhäusern, wenn die Anzahl der Einwohner innerhalb der Dorfgrenzen nicht reichte. Man mußte korrekt rechnen, aber die Zahlenmenge hing von den Bedingungen ab. So wie die Zahl der Autos, die an ihnen vorbeihuschten von dem Wetter, vom Wochentag und natürlich von der Krokusblüte in Husum abhing.

Es gab ungewöhnliche Vorkommnisse. Das irritierte die drei, öffnete sie aber auch für das Besondere, das Unbekannte, das in ihrem Dorf eigentlich noch keinen Einzug erhalten hatte, obwohl die lange Straße, die durch das Dorf raste, ankündigte, was es mit dem Dorf in den Folgejahren anzustellen gedachte. Noch gab es ein Ortsschild, das die Autofahrer aufforderte, abzubremsen, die Geschwindigkeit zu zügeln. Man konnte auch verweilen. Der Landkrug, in dem die drei lebten, lud ein, zu übernachten oder auch nur einen Teepunsch mit geele Köm zu trinken, ein Bier, einen Bommi mit Pflaume, einen Korn. Am Ortsausgangsschild wurde anschließend wieder Fahrt aufgenommen. Die dänischen Laster ignorierten damals schon die Geschwindigkeitsbegrenzungen und sausten durch das Dorf. Was kümmerte sie Mensch und Tier in Tollhuus. Die Ware schnell zu liefern war ihr Ziel, nicht dieses doof in der Kurve liegende Dorf.

1958 gab es das alles noch: Die Schmiede, die Spar-und Darlehnskasse, die Molkerei, den Höker, den Dorfkrug mit vereidigter Waage, Fremdenzimmer. Noch gab es in Tollhuus 5 Bauernhöfe, einer davon gehörte zum Krug,einer zur Schmiede. Dieser Frühlingssonntag, an dem die Krokusse im nahen Husum blühten, Autos hastig durch den Ort sausten, ließ die Häuser und Menschen beidseitig der Straße ruhen. Ruhe wie Genuß. Keine Arbeit, sondern Innehalten war angesagt für die Tollhuuser Einwohner, wenn sie nicht gerade Striche aufs Papier zauberten. Aber trotz der unendlichen Autoschlange erfaßte auch die 3 Krügerkinder eine besondere Ruhe. Sie waren hier geboren, hier aufgewachsen und sie kannten den Rhythmus von Arbeit und Innehalten, Tageszyklen und Jahreszeiten. Sie hatten schon erfahren, dass diese Zeit eine Zeit des langsamen Erwachens war. Die Natur ließ sich Zeit, aber unaufhörlich trieben die Blätter aus. Überall quollen die Knospen, die Schneeballhecke blühte weiß auf. Sonne und blauer Himmel standen in einem merkwürdigen Kontrast zur Hast mit der es die Autos Richtung Westen trieb oder auch saugte, regelrecht aufsaugte. Jedes Auto für sich hatte nur einen Augenblick Tollhuus, so schnell trieb es sie vom Ortseingang zum Ortsausgang. Das Zeitenende der Pferdekutschen, mit denen auch sie noch ihre Großeltern im nahegelegenen Eggebek besuchten hatten, wurde mit jedem Strich auf dem Blatt Papier vollzogen.

Schulterblatt

Im Krug am Husumer Ochsenmarkt, dem Schulterblatt, saßen die Bauern und Händler an ihren Tischen und feierten ihren Einkauf mit Köm und Teepunsch. Skat wurde gespielt, nein gedroschen. Die Schenkstube mit ihren niedrigen Decken, mit den vielen Tischen, die eng bei eng standen, die verräucherte Luft, der Duft von Kaffee, vermischt mit dem Anisgeruch vom geelen Köm. Doch an einen Tisch hatte sich ein einzelner Mann hingesetzt, der bei der Bedienung gerade einen Kaffee bestellte. Zugleich fragte er nach Hans Peter, dem Wirt. Es dauerte ein Weile, die der Mann nutzte, um die Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu trinken. Wenn man ihm über die Schultern schaute, konnte man sehen, daß auf der Titelseite der Zeitung über den Ausbau des Kieler Hafens, über die Neubesetzung des Schleswiger Gerichts mit preußischen Patrioten und über einen Ausflug von Kaiser Wilhelms Familie nach Kiel berichtet wurde. Ab und an sah man den Mann den Kopf schütteln. Scheinbar ärgerte den Nordfriesen das eine oder andere. Nach einer Weile trat ein hagerer, großer Mann an den Tisch, begrüßte den Zeitungsleser und setzte sich ernst reinblickend zu ihm. Der Mann in dem adretten Anzug, mit den blank geputzten Schuhen und dem kleinen Schnurbart begann zu erzählen. Deutlich erkannte man, wie die Züge des Krügers sich mit jedem neuen Satz verfinsterten. Ja, Hans Peter Paulsen entglitten die Züge. "Dat is mien Een", hörte man ihn plötzlich aufbrausen. Und gleichzeitig flog seine Faust auf den Tisch. Er war mit seinem Kompagnon einer der großen im Husumer Ochsenhandel. Auf dem Ochsenmarkt am Schulterblatt kauften sie ein und schipperten die Ochsen nach England und verkauften sie dort. Sie waren erfolgreich gewesen, die letzten Jahre gesehen. Doch jetzt hatte sich sein Partner Momme mit dem Erlös nach Amerika abgesetzt. Das hatten die Nachforschungen von Erik Pörksen ergeben, den er damit beauftragt hatte, herauszufinden, warum sich die Rückkehr von Momme so verzögert hatte. Der Krach hatte Hans Peters Frau Thore zum Tisch gezogen. Jetzt setzte auch sie sich zu den beiden, kreidebleich. Was können wir tun, fragte Thore. Erik erzählt, daß auch die Freundin von Momme verschwunden sei und das es zu spät wäre, um die beiden in New York zu finden. 45000 Goldmark waren weg, einfach weg. Er hatte Momme vertraut, war er doch nicht nur sein Partner gewesen, sondern auch sein bester Freund aus alten Schultagen. Und nun saßen sie hier und Hans Peter fragte sich, was zu tun sei. Sein Bruder war schon lange nicht gut auf ihn zu sprechen, hielt er seinen Handel doch für ausgesprochen riskant. Durch eine Bankbürgschaft, vermittelt durch ihre Mutter, hatte Christian Hans Peter und Momme erst diesen Handel ermöglicht. Hans Peter graute davor, Christian unter die Augen zu treten. Seine Mutter würde ihm verzeihen. Das wußte er. Sie würde auch ein gutes Wort für ihn einlegen. Aber sein Bruder, der sonst so ruhig und ernst war, würde toben, denn er hatte ja mit seinem Besitz gebürgt. So stand ihm ein schwerer Gang bevor.

Breklum

Derweil saßen Christian und seine Frau im Pesel, in der guten Wohnstube ihres Bauernhofes in Breklum und spekulierten gemeinsam mit den Kindern, was zu tun sei. Sie hatten bereits gehört, dass Mommes Rückkehr aus England sich über Gebühr verzögerte und dass Hans Peter einen Detektiv beauftragt hatte, Es war eine Schande. Und insgeheim verfluchte er seine Gutmütigkeit, die ihn verleitet hatte, sich von seiner Mutter überreden zu lassen, für Hans Peter zu bürgen. Wenn die Bank seine Bürgschaft einforderte, blieb ihnen nichts, als den Hof zu verkaufen, diesen Hof, der seit Menschengedenken von einer Generation zur nächsten vererbt worden war und den er schrittweise ausgebaut hatte. Es war ein stattlicher Hof mit großen Stallungen, einem Kärtnerhaus und üppigen Gärten. Der Obstgarten mit den Apfel-., Birnen- und Pflaumenbäumen war ein Traum, gerade jetzt im Frühjahr, wo es blühte und summte, machte es Spaß sich im Garten auszuruhen..

Es hatte schon schwere Zeiten gegeben für die Familie. Die Diffterie hatte 3 ihrer Kinder hinweggerafft und Johannes, ihr ältester Sohn war mit einem Hüftschaden auf die Welt gekommen. Johannes war intelligent und hatte Visionen. In der Realität mußte er aber erst einmal ankommen. Das war eines der Vermächnisse dieser Familie über Generationen hinweg. Schon viele Generationen der Martensen hatten sich in der Vergangenheit an ihren Idealen abgearbeitet. Er selbst auch und er war stolz darauf, mit ihnen in der Realität angekommen zu sein und sie nicht einfach über Board geworfen zu haben. Johannes hatte eine kaufmännische Ausbildung gemacht, russisch gelernt und hatte gerade einen Vertrag bei einem Husumer Kaufmann unterschrieben. Er sollte eine Niederlassung in Kiew leiten. In wenigen Tagen würde er losfahren. Seine älteste Tochter Hanna war Lehrerin in einem Dorf in der Nähe von Rendsburg und Martin, sein jüngster Sohn wohnte bei ihr und ging bei ihr in die Schule. 19 Jahre trennten die beiden, 19 Jahre und damit war Hanna mehr als die große Schwester. Sie war eine Respektperson und sollte Martin, die Führung geben, die er zu Hause bei all dem Trubel der letzten Monate ein wenig vermißte.

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