Perspektiven mit doppeltem Boden
Im neuen Gebäude konnten wir dann das Rechenzentrum als Closed Shop einrichten und so weiter absichern. Der Mainframe stand auf einem doppelten Boden in einem klimatisierten Raum. Dank der Entlüftungstechnik kam es aber immer wieder zu Zwischenfällen, wenn der Doppelte Boden mit seinen Kabeln und Anschlüssen über die Lüftungsschächte geflutet wurde, Zum Glück für das Rechenzentrum, zum Ärger von unseres Geschäftsführers und mir, wurde rechtzeitig ein Alarm ausgelöst. Aber oft mußten wir dafür anrücken, denn wir beide wurden alarmiert. Ich wohnte aber 40 km entfernt und es war ätzend nachts zum RZ fahren zu müssen, um die Ursache zu finden und zu beseitigen. Eine winterliche Schlingerfahrt wegen eines Alarms ist mir in genauso guter Erinnerung wie ein Fehlalarm, der von einer verirrten Meise auf dem Flur ausgelöst wurde. Nervös hat es mich immer gemacht, wen ich abend als letzter nach offenen gelassenen Fenstern fahnden mußte, bevor ich abschließen konnte, weil der Zug am Zentrum Nord nicht auf mich wartete. Konsequenz: Häufiger unfreiwilliger Aufenthalt auf einem zugigen Bahngleis ohne Zug.
Schon längst stellte sich die IBM-Mainframe-Technik als Handicap in der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen heraus, da sich IBM damals noch nicht für TCP/IP-Netzwerklösungen öffnete und die Preise für Hard- und Software so hoch waren, dass die Molkereien unsere Untersuchungskosten nicht mehr tragen wollten. Damals begannen wir uns für Alternativen zu interessieren. Downsizing war ein wichtiges Thema, um Datenverarbeitung im RZ zu effektivieren.
1985/86 habe ich mir privat einen Atari ST zugelegt, später einen Mega STE und noch später einen Falcon in einem Towergehäuse, da ich die PC-technik nicht so geschätzt habe. Um 1988 kaufte ich mir für den Atari Minix, einen Vorläufer von Linux. Das habe ich zu Hause umfangreich getestet und damit meine ersten Unix-Erfahrungen gemacht. Im RZ kauften wir uns dann 1990 eine Targon 35 und eine junge Mitarbeiterin, Fr. Stockel-Siebker - hatte die Aufgabe die Molkereigüte auf diesen Rechner zu portieren. Als Vorlage diente ein ein paar Jahre zuvor erstelltes PL/1-Mainframe-Programm von mir.
1990 wurde ich dann auch EDV-Leiter und stand gleich unter einem wahnsinnigen Druck, denn die alten MLP-Jahrersabschluß-Programme aus der RPG-Zeit führten zu erheblichem Ärger. Sobald Kühe Laktationsleistungen über 10000 kg erreichten, passten diese Daten nicht mehr in das vorgesehene Datenformat und die Zuchtwertschätzung nutzte die damit produzierten Bänder. Dr. Teschners Lösung war es, Werte über 10000 kg mit negativen Werten zu speichern, um die Feldgröße nicht verändern zu müssen. 1990 wurde die Zuchtwertschätzung für alle HF-Tiere bundeseinheitlich nach dem BLUP-Verfahren in Verden durchgeführt. Da wir ab dort die Zuchtwertschätzung nicht mehr im eigenen Hause durchführten, gab es u.a. dadurch verursacht bei der Datenübermittlung zum VIT, in dem die Zuchtwertschätzung durchgeführt wurde, vermehrt Ärger. Der Ärger spitzte sich 1990 politisch zu, da ich noch nicht fest im Sattel saß und das VIT versucht hat, diese Situation zu nutzen, um uns vollkommen unter ihre Fittiche zu bekommen. Oft gab es auch verschämte Versuche mich abzuwerben.
Es war damit eine wichtige Aufgabe die MLP und zuerst die Datenübergabe für die ZWS neu zu programmieren. Das war ein Kraftakt. Hilfreich war dabei ein von mir entwickeltes Pascalprogramm, mit dem ich Entscheidungstabellenlogik in Pascal- und PL/1-Quellcode umwandeln konnte. Das war z.B. hilfreich, um mit komplexen Überprüfungen vorhandene Fehler zu erkennen und auszugrenzen. Es entstand erheblicher Termindruck und ärgerlicherweise hatte ich bei einem Entwicklungsschritt einen Programmfehler produziert, den ich nicht lokalisieren konnte. Die Zeit lief und ich habe einige Nächte im RZ 'übernachtet' bis ich den Fehler gefunden hatte. Ein Programm zu kompilieren, war damals nicht so einfach und ein Kompilierungslauf dauerte leicht eine Stunde und mehr. Aber ich habe es gerade noch geschafft, die Datenübergabe so zu entwickeln, dass unsere langjährigen Freunde in Verden die Daten akzeptieren konnten. Leider konnten wir die MLP nicht auf der grünen Wiese ganz neu entwickeln, da der Druck hoch war, das alte Programm schnell abzulösen. Nicht alles konnte auf einem Schlag umgestellt werden und die Lochkarten konnten nur mit der IBM verarbeitet werden. Also habe ich mit PL/1 schrittweise das alte RPG-Programm abgelöst. Durch die KSDS-Organisation der Daten in SQL-kompatiblen Datenstrukturen konnte ich so auch die Integration verschiedener Bereiche wie Besamung,MLP und Zucht in einem gemeinsamen System erreichen. Anders als beim VIT, wo dieser Schritt lange nicht gemacht wurde, gab es daher keine Redundanzen und die Daten standen systemweit einheitlich zur Verfügung. Die Basis bildeten PL/1-Programme. Den Dialog mit einem neuen Zucht-und Katalogerstellungsprogramm hat mein Team mit mir zusammen in CPG und HL/1 erstellt.
Zu spät für die Zucht! Im nachhinein habe ich mich geärgert, dass ich Dr. Teschner nicht nachdrücklich bewogen habe, diesen Schritt weit früher zu machen, weil die Zuchtverbände noch bevor das neue System voll durchschlagen konnte, mit den Zuchtdaten zum VIT migrierten. Das hat uns über die Jahre viel Ärger und unnützte Arbeit bereitet. Dabei war es nie unser Ziel, unsere Unabhängigkeit durch Konkurrenz zu sichern. Immer ging es uns vom MKV-WL um Zusammenarbeit und um gute durchgängige Konzepte. Solche Vorschläge wurden oft in Zusammenarbeit mit Fachleuten - auch vom VIT - erarbeitet, aber dann von der VIT-Führungsebene abgelehnt. Die Tatsache, dass ich gerade in dieser Zeit - auch weil die Geschäftsführung nicht genügend Geld für Programmierkurse zur Verfügung gestellt hat - vieles neu organisieren und eben auch programmieren mußte, hat mich bis an den Rand meiner Leistungsfähigkeit gepuscht. Aber bei aller Kritik an unserem eingerschränkten Schulungsbudget von 10000 DM im Jahr mußte man auch eingestehen, dass 4 Tage Schulung oft mehr als 5000 DM kosteten. Ein Wahnsinn. Auch die Technikerkosten waren horrende. War ein IBM-Techniker im Hause, kostete das ca. 400 DM pro Stunde. Zu dieser Zeit kostete der RZ-Betrieb um die 2 Millionen DM pro Jahr. Das konnte nur über Downsizing und Restrukturierung des RZ-Betriebes verringert werden. Die anderen Abteilungen des Hauses, hielten diese Preise eben auch für Wahnsinn und daher regte ich Widerstand im Haus, wenn ich höhere Budgets forderte.
