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Tante Anne

Veröffentlicht am 2015-01-01 00:00:00.0


Tante Anne

Tante Anne

Gestern habe ich zum ersten Mal auf einer meiner zahlreichen Fahrradtouren durch Angeln Tante Anne besucht. Ihr kennt Tante Anne nicht, denkt ihr! Woher sollen wir Deine Tante Anne kennen? Nein, Tante Anne ist keineswegs meine Tante, Tante Anne ist eine Art Institution oder besser noch ein Vermächnis aus der guten alten Angler Zeit. Heute spricht man von Langsamzeit. Langsamzeit, Entschleunigung, Gemütlichkeit, Gelassenheit, sind das nicht Wesenszüge einer längst vergangenen Zeit? In der hektischen Neuzeit mit ihren wirren, unerfüllbaren Zielen, die uns in die Hast, in den Stress treiben, nicht mehr auffindbar? Oh doch, es gibt sie noch diese Nischen, in denen besondere Menschen, diese Tugenden für uns alle bewahren. So auch in 'Tante Anne', ein Landkrug mitten in Angeln zwischen Uelsby und Havetoftloit, für mich optimal gelegen, wenn ich mal eine kleine, gemütliche Tour mit dem Rad von Struxdorf aus unternehmen möchte. Hier ein Link zu den Tourdaten: https://www.openstreetmap.org/user/flens/traces/1736211. Beim Besuch von 'Tante Anne' sind mir alte Erinnerungen an meine Kindheit in unserem Landkrug in Süderzollhaus, den wir bis 1964 betrieben haben, durch den Kopf gewandert. Alte Erinnerungen aus der Kindheit tauchten wieder auf. Das hat mich als 'Krögerjung' viel mehr, noch tiefer bewegt als die neu entdeckte Fahrradroute. Da ist die Tatsache, daß es diese alten Langkrüge (plattdeutsch Krog) noch oder besser wieder gibt. Und Tante Anne -oder bessere ihre jetzigen Betreiber - knüpfen genau an das an, was einen Landkrug von früher ausgemacht. Ja es gibt leckere Torten und frisch aufgesetzten Kaffee, den man genußvoll trinken kann. Aber das ist es nicht, was mich so fasziniert hat. Ich bin schon oft an Tante Anne vorbei gefahren, auf dem Weg von Struxdorf nach Flensburg. Da findet sogar der Navigator diesen Punkt. Und ich habe diesen Ort schon immer als einen Kleinod empfunden. Die tolle Fassade des Gebäudes mit den Blumenbeeten und Blumentöpfen davor, der alte Hofplatz mit einem uralten Bäumen davor. Einen einladenden Eindruck hat dieser Krug schon immer auf mich gemacht. Als er dann für einige Jahre geschlossen war, hat mich das sehr nachdenklich und auch ein wenig traurig gestimmt. Ich habe die Schließung dem allgemeinen, bedauerlichen Landkrugsterben zugeordnet. Als der Krug dann zu meiner Überraschung wieder geöffnet hatte, war für mich klar: Da will ich hin, auf einer meiner Fahrradtouren verweilen.** Und als dann eine Kollegin aus dem Tauschring noch von der Geschichte dieses Kruges erzählte, war ich nicht mehr zu halten. Tante Anne war die alte Krügerin, irgendwann über 90 Jahre. Lange war sie die älteste Gastwirtin bundesweit. Bei ihr konnte man immer noch ein Bier erhalten oder ein Kännchen Kaffee bestellen, ausspannen und klönen, mit Nachbarn oder mit Tante Anne.

Und nun kommen wir zum Kern dessen, was immer einen Krug ausgemacht hat. Mit Langsamzeit, mit Innehalten, mit Gelassenheit und mit Zusammensein sind Eigenschaften gefunden, die hier gepflegt werden. Und das Schöne ist, daß die heutigen Betreiber genau das neu kultivieren. Die Krügerin hat mich allein gelassen, als ich ruhig meinen Kaffee trinken wollte und sie hat sich mit mir auf Platt unterhalten, als mir danach war. Wir haben viel erzählt, ich von meinen Erfahrungen als Kind eines Krügers, sie von ihrem sich schrittweise entwickelndem Konzept. Und dann kamen da weitere Gäste und damit war Tante Anne ganz Krug. Hier erlebt man das, was man in den feinen Gourmettempeln, die sich auf dem Lande eingenistet haben, nicht erlebt. Man unterhält sich über die Tischgrenzen hinweg, es wird kommuniziert,geklönt, man erzählt sich von den Nachbarn, von Orginalen, vom Dorfleben. Döntjes werden auf Platt oder auch Hochdeutsch zum Besten gegeben. Gerade als Zugezogener erfährt man viel, wo welche Events anstehen und wo man welche Unterstützung erhalten kann. Mein Liegeradtrike hilft dabei, ins Gespräch zu kommen, aber dann ist es ein Selbstläufer, die Tischgrenzen sind aufgehoben, man kommt sich näher. Nein, in den Gourmettempeln wird auf Abgrenzung geachtet, jeder ist für sich, hier wächst das Dorf nicht wieder zu einer Einheit zusammen, sondern zersplittert. In den alten Landkrügen ist der Krüger oder die Krügerin wie ein Katalysator, der/die genau diese Aufgabe hat, die Menschen zum Klönen zu bewegen, sie zusammenzubringen. In den Dorfkrügen fand früher ein Großteil des Zusammenleben, Zusammensein auf dem Dorf statt. Bei uns zu Hause, war an jedem 2.ten Sonntag Friseurtag, jeden Dienstag und Freitag Schweineliefern und in der Tenne (Durchfahrt) wurden zu besonderen Anlässen Saalbretter ausgelegt oder eine Theaterbühne aufgebaut und immer hatte man Zeit zum Teepunschtrinken und/oder zum Skatspielen. Gerne kamen die Gäste von weiter her, vom Monteur bis zum Generaldirektor, die durchreisende Familie aus Schweden, oder die siebenköpfige belgische Familie aus dem Kongo, die Neuigkeiten aus aller Welt in die Enge des Dorfes transportierten. Ich habe mich oft nach dieser Kultur gesehnt . Ich wollte einen Landkrug finden, der so ist, wie einer der Gäste von Tante Anne so passend beschrieben hat: Ein Krug, in dem man verweilen kann wie in einem Wohnzimmer.Ich glaube, bei Tante Anne in Uelsby habe ich das gestern wiedergefunden.

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