Uganda- ein Erfahrungsbericht
Ein bekannter Politiker hat einmal gesagt: "Wenn wir uns nicht verantwortlich fühlen für die Dritte Welt, kommt sie zu uns." Je heftiger soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen die Länder der Dritten Welt erwischen, je schlechter die langfristigen Perspektiven für die Menschen dort, desto mehr begeben sich wegen ihrer Not und Existenzangst auf die Flucht. Und nicht genug damit: Wenn wir nicht gemeinsam an unserem ökologischen Fußabdruck arbeiten, dann überflutet der Klimawandel auch Teile von Schleswig-Holstein, so die Wissenschaft. Als junger Mensch habe ich mein Landwirtschaftsstudium absolviert, um in der Dritten Welt zu arbeiten. Verschiedene Faktoren haben den Einsatz dann verhindert. Erst jetzt nach meinem Rentenantritt ergab sich dank des 'Senior Experten Services (SES)' die Chance, ehrenamtlich tätig zu werden. Nach einer längeren Vorbereitungszeit und den vielen notwendigen Impfungen war es dann Ende Juli 2018 so weit. Mit dem Flieger ging es über Addis Abeba nach Entebbe in Uganda. Schon am Flughafen in Frankfurt und dann während des gesamten Flugs nach Addis hatte ich herzlichen Kontakt zu einem jungen Flüchtling aus dem Kongo. Die Lebensgeschichte seiner Familie hat noch mal verdeutlicht, dass wir Verantwortung übernehmen müssen. Gut das dieser beeindruckende Mann inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit hat und in Deutschland gut integriert ist. Auf dem Flughafen Entebbe gab es dann die erste Überraschung, die einzig negative. Kein Mensch war da, um mich abzuholen. Bei dem vorhandenen Lärmpegel war es für mich schwierig zu telefonieren. Nach einigen Telefonaten brachte mich ein netter Taxifahrer nach Kampala.
Atuli, das war der Name des Projekts und der Farm, für die ich arbeiten sollte. Der Projektbeschreibung war zu entnehmen, dass es um Bioschweinehaltung ging. In meinem Leben hatte ich nur auf dem elterlichen Hof und kurz nach dem Studium mit Schweinen gearbeitet. Wahrscheinlich weil kein anderer gefunden wurde, diesen Job zu übernehmen, wurde ich gefragt. Ich habe dann sowohl in Afrika wie beim SES auf mein mangelndes Know How hingewiesen. Trotzdem wollte man mich. Was mir blieb, war eine intensive Vorbereitung und der Aufbau eines Netzwerks. In meiner Arbeit als Leiter eines landwirtschaftlichen Rechenzentrums hatte ich viel mit der Softwareentwicklung für Tierhaltung und Tierzucht zu tun. Da gab es viele alte Kollegen, die mich bei schwierigen Fragen unterstützen konnten. Und das habe ich dann übers Internet auch gut nutzen können.
Ich war privat bei der Familie Ruhakana am Rande von Kampala untergebracht und war begeistert von der Gastfreundschaft, den engen Kontakten zur Familie, der Offenheit und der Gradlinigkeit, mit der sie Familien- und Nachbarschaftsbusiness betreiben. Die Familie hat in verschiedenen Projekten mit den Menschen in ihren Dörfern zusammengearbeitet und damit dafür gesorgt, dass man gemeinsam an einem Strang zieht. Ich erinnere mich gerne an die Zeit als ich als Kind in einem Dorf auf der Geest lebte. Da hat man sich auch noch gegenseitig unterstützt. Diese gelebte Solidarität und die Initiative, mit der Projekte in Uganda angepackt werden, hat mich am meisten überrascht. Wenn bei uns gute Projekte so leicht versanden, packen sie es dort an. So fand auch gleich am Tag der Ankunft nachmittags das erste Meeting statt. Erwartungen, Hoffnungen und Ideen wurden gegenseitig abgeklopft. Nach dem Meeting - am Abend - kam dann Agnes zu uns, eine junge Farmerin und diplomierte Informatikerin. Sie war dabei, eine Farm mit Schweinen und Rindern aufzubauen und erhoffte sich auch Unterstützung beim Aufbau ihrer Milchkuhherde. Das hat Fred, der Auftraggeber dann aus Zeitgründen abgelehnt. Da ich mich mit Kühen viel besser auskenne als mit Schweinen, wäre das ein Projekt, was mich ebenfalls sehr gereizt hätte. Am nächsten Tag habe ich dann erst mal präsentiert, was ich in meinem Berufsleben bewegt habe, vor allem um zeigen, was ich nicht kann. Aber es gab so viele Ansätze, die für die anwesenden Farmer spannend waren, dass sie über diese Tätigkeiten im Bereich der Herdenbetreuung, Qualitätssicherung, Tierkennzeichnung, Auditierung von Betrieben und Herkunftssicherung mehr wissen wollten. Step by Step kamen neue Farmer dazu und es dauerte nicht lange und wir haben gemeinsam an einem Konzept für biologische Schweinehaltung gearbeitet. Das Resultat war nach intensiver Arbeit die Gründung einer 'Organic Lifestock Association (OLA)'. Um Informationen zu erhalten, haben wir Universitäten, Forschungseinrichtungen, kleine Farmen, Schlachter und kleine private Rechenzentren und Softwareunternehmen besucht. Die Besuche haben mich begeistert. Auf einer Farm wurden die Schweine regelmäßig im Swimmingpool gebadet. In dem Stall roch es überhaupt nicht nach Schwein und Fliegen wurden ohne Einsatz von chemischen Mitteln durch die Haltungsform ("Fermented Bed Technology") ferngehalten.
Ich hatte unter anderem einige kleine 'Computer' wie den Arduino. einen Raspberry PI, einige Sensoren etc. mitgebracht, um zu demonstrieren, wie man mit einfachen Mitteln qualitätssichernde Maßnahmen auf den kleinen Betrieben durchführen kann. Dann haben wir zufällig FUNDIBOTS besucht, eine kleine Organisation in den Slums nahe von meiner Unterkunft. Fundibots arbeitet in Uganda mit 75 Schulen zusammen und bildet Kinder dazu aus, mit Arduino und Co. kleine Roboter, 3D-Drucker und CNC-Maschinen herzustellen. Ein Weg in eine zukunftsweisende, gemeinschaftsgetriebene und damit sozial sinnvolle Digitalisierung wie ich sie mir für Deutschland immer gewünscht habe. In der Werkstatt von Fundibots gab es so viel Anschauungsmaterial, dass ich aus dem Staunen nicht herauskam. Da Fundibots auch an Lösungen für kleine Farmen gearbeitet hat, stellte sich diese Organisation als optimaler Partner heraus.
Die Atulifarm stellt einige interessante Produkte auf ihren 30 Acres her: Chiaöl, Moringaöl und Pilze, die sie in Supermärkten verkaufen. Da die Klimaparameter der Pilzproduktion wie Temperatur, relative Luftfeuchte, CO2-Gehalt oder Lichtmenge mit Klimacomputern gesteuert werden können, habe ich Dean Ruhakana, der auch Informatiker ist, den mitgebrachten Raspberry PI nähergebracht. Deans Neffe hat dann nach meiner Abfahrt bei Fundibots einen Kurs besucht und jetzt arbeitet die Familie auch an der Expansion ihrer Pilzproduktion. Mit den Abfällen aus der Pilzproduktion, der Chia- und Moringhaölgewinnung wollen sie die Schweine füttern. Gehalten werden sollen die Sauen auf einem Bett aus feinen, fast pulverisierten Sägespänen, die mit indigenen Mikroorganismen aufbereitet werden. Das Bett ist ungefähr 40 cm tief und soll 4 Jahre lang genutzt werden können. Um das Bett geruchsfrei zu halten, wird der Kot täglich kurz eingearbeitet und mit ein wenig IMO begossen. Es ist wirklich erstaunlich, dass es in diesen Ställen nicht riecht und sich auch keine Fliegen ansammeln. Nach den 4 Jahren hat man dann einen hervorragenden organischen Dünger.
Die Familie Ruhakana hatte vor ein paar Jahren schon einmal angefangen, Schweine zu halten, war aber leider gescheitert, da sie einfach die Abfälle aus ihren Produkten zur freien Verfügung verfüttert haben. Also sind Bestandsbetreuung und -beratung wichtige Aufgaben von OLA und da Adam und Arthur, zwei der jungen Farmer, an der landwirtschaftlichen Fakultät der Makerere-Universität ausgebildet wurden, hat die Organisation schon zwei kompentente Fachkräfte für diese Aufgabe. Lernen ist mir aufgrund der tollen Menschen dort leicht gefallen. Ich habe viele tolle Erfahrungen aus Uganda mitgebracht. Und bei der vorhandenen Kompetenz der Farmer, die ich betreut habe, war es sicher hilfreich meine Erfahrungen weiterzugeben. Dabei kam es gar nicht auf detailliertes Fachwissen an. Viel wichtiger war es, Verfahrensalternativen zu erläutern, Probleme zu analysieren und gemeinsam ein Kompetenznetzwerk von Fachleuten vor Ort aufzubauen. So kann aus Beratung Hilfe zur Selbsthilfe werden. Ich habe diese Arbeit gerade deshalb so gerne unterstützt, weil ich die Chance sehe, dass die Landwirtschaft in der Dritten Welt mit der Hilfe solcher Projekte einen weichen und nachhaltigen Weg von der reinen Subsistenzwirtschaft zu einer innovativen und nachhaltigen Kooperation von Kleinbauern schafft, die neue Einkommensperspektiven eröffnet, ohne die Bauern von ihren Höfen zu vertreiben. Wer mehr erfahren will, kann das 'Steinberger Gespräch' am 11.4.2019 um 19:00 in Steinbergkirche im Sportlerheim zum Thema "Uganda ist anders: Landwirtschaft zwischen Landgrabscherei, Ausbeutung und Nachhaltigkeit- ein aufmunternder Erfahrungsbericht" oder meine Internetseite http://leever-miteenanner.de/uganda.html besuchen.
