Wahrheiten in einer vernetzten Umwelt
Wissen ist nie absolut, nie endgültig. In einer vernetzten Welt findet man Schritt für Schritt heraus, dass nicht alles so ist wie es scheint. Statisch ist diese Welt nicht und die Dinge um uns herum verändern und bewegen sich. Die Geschichte mit dem Ozonloch, der Erkenntnis, dass es dieses Loch gibt und die Analyse wie es sich entwickelt, ist sicher ein lehrreiches Beispiel. Wir wissen jetzt um das Ozonloch und handeln es als eine unbedingte Erkenntnis, die seit Ewigkeiten feststeht. Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit, kurz vor dem Abitur. Da wurde im Spiegel über das Ozonloch und seine Ursachen informiert. Als ich damals in einer Wahlkampfveranstaltung Herrn Stoltenberg,früher Bundesfinanzminister und SH-Ministerpräsident, fragte, was die Politik gedenke, dagegen zu unternehmen, hat er gescherzt, gewitzelt und das ganze als Fakenews abgetan. Wissensbildung und Wahrheitsfindung durchläuft also immer wieder, wie A.Schopenhauer er so treffend beschrieben hat, den gleichen Prozess:
Jede Wahrheit durchläuft drei Phasen:
In der ersten wird sie verlacht
In der zweiten wird sie wild bekämpft
In der dritten wird sie als Selbstver- ständlichkeit akzeptiert
Mich erinnert die Glyphosatdiskussion ein wenig daran. Und so es auch wenig überraschend, dass Prof. Monika Krüger ihrer Glyphosatstudie dieses Zitat vorangestellt hat. Zu Zeiten von Schopenhauer, war zumindest der technische Fortschritt noch übersehbar. Heute werden wir und die Umwelt fast täglich mit neuen, sicher auch innovativen Techniken konfrontiert, die wie die Gentechnik, die Plastikproduktion, Nutzung von Nanopartikel, Fracking, Bergbau) etc. vielfältige Auswirkungen auf unsere Umwelt und eben auch auf uns haben. Das Beklemmende dabei ist, dass wir immer noch nicht begriffen haben, dass die Lage zu ernst ist, um Sorgen und Einwände einfach zu verlachen. Eine ernsthafte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgen von technischen Veränderungen wäre dringend geboten.
Sicher sind einige Zusammenhänge zwischen Krankheiten und Glyphosat nur statistisch - oft signifikant- auffällig, aber die Analyse wie diese oft multifaktorellen, komplexen biologischen und chemischen Prozesse zusammenhängen, ist noch nicht aufgeklärt, also nicht wissenschaftlich erwiesen. Es ist m.E. gefährlich, wenn sich dann die Wissenschaftler vom BfR hinstellen und die Risiken von Glyphosat leugnen. Aber Wahrheiten sind nie einfach und mich begeistert auch die Art wie z.B. unser 'Nachbar', Herr Callsen aus Scheggerott, sich mit der Direktaussaat und Humusbildung unter der Nutzung von dosiert eingesetzten Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat auseinandersetzt. Seine These ist, dass ein wenig Glyphosat jetzt hilft, Humus zu vermehren, um bald ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten zu können. Ich mag das nicht verteufeln, sondern finde seine Thesen bedenkenswert, auch wenn sie mich irritieren.
Nun gab es vor ein paar Tagen einen Bericht im Fernsehen, der einerseits ein spannendes wissenschaftliches Experiment zeigt, aber auch wie komplex die Zussammenhänge sind und wie aufwendig es ist, ihnen auf den Grund zu gehen. Der Bericht über Birkenpollen und Stickoxide zeigt wie Forschung heute agieren muß, um biokybernetisches Wissen zu generieren. Und es ist faszinierend, zu erfahren wie es geht. Was ich aber besonders bemerkenswert finde, ist, die Metainformation aus dieser neuen Erkenntnis. Alles hängt mit allem zusammen und gerade bei technischen und chemischen Prozessen sind die Aussagen, man habe sie im Griff, sie seien unbedenklich und leicht beherrschbar immer wieder in Frage zu stellen.
Umgekehrt sind auch neue Erkenntnisse immer wieder in Frage zu stellen. Wer z.B. behauptet, die Kühe seien wegen der Methangasproduktion nicht unerheblich an der Klimakatastrophe beteiligt, den bitte ich das Buch von Anita Idel 'Die Kuh ist kein Klimakiller' zu lesen. Wer es gelesen hat, erkennt zumindest die Vielschichtigkeit des Problems.
Ich habe in einem anderen Blog zur Frage der modernen Landwirtschaft geschrieben und insb. die Eiweißproblematik angesprochen. Aber auch hier ist es nicht so einfach, wie ein Faktencheck zeigt: Sojaschrot und Regenwald. Ebenso ist es mit der Behauptung, dass regionaler Anbau allzeit besser wäre als der Import von Nahrungsmitteln. Lange Lagerung kann - zumindest so wie es heute im 'modernen Obstbau' praktiziert wird - die Ökobilanz erheblich vernageln.
Was die beide Beispiele zeigen: Um verantwortungsvoll einzukaufen, sollten wir in unsere Kaufentscheidung viele Informationen einbeziehen und flexibel agieren. Zudem sollten wir beim Einkaufen Einfluß auf die Produktion nehmen und helfen sie so umzugestalten, dass sie viele Faktoren berücksichtigt. Am besten ist das sicher möglich, wenn man mit den Produzenten eng zusammenarbeitet wie es bei Solidarischer Landwirtschaft möglich wird.
