Pedreguer
Jedes Jahr in ihrem Urlaub mußten sie etwas Verrücktes tun. Sie waren von einer Wanderung zugekehrt durch den Valle de Laguar. Es hatte gemütlich begonnen: Auf den Stufen der Mauren waren sie vorbei an grandiosen Felswänden bis ins Flußbett gewandelt. Er hatte sich stark gefühlt. Fast behende lief er die Stufen hinunter und auch über die Steine im Flußbett sprang er fast mühelos. Es war, als hätte er kein Alter, als wäre er so zeitlos, so unendlich wie die Felswände am Flußbett. Der ausgewaschene, vom Wasser feingeschliffene Steinboden des Flußbett zeugte an manchen Stellen von der enormen Macht der Natur in für den Menschen unentlichen Zeitläufen. Als sie dann die zwei Steinmännchen entdeckten, die ihnen Einlaß zur Felswand gewährten, war es ihnen noch eine sportliche Herausforderung, die Ingrid, seine Frau, wie eine Gemse bewältigte. Er, der fast doppelt soviel wog wie sie, erkannte bald seine Grenzen. Es kostete ihm mehr Zeit auf dem Weg die steilen Aufstiege zu bewältigen. Ihr schwindelte, ihm schwindelte, wenn rechts neben ihnen keinen Fußbreit entfernt, der Abgrund lauerte. An manchen Stellen hatte Steinschlag den Weg beschädigt. Dann half nur ein kühner Schritt, diese Stelle hinter sich zu lassen. An den Wegbiegungen, die immer höher den Berg hinaufführten, boten sich atemberaubende Blicke in die Schlucht, über die kleineren Berge bis zur Küste. Dort dehnte sich im einem prächtigen Grünblau das Mittelmeer aus und die Sonne umspann die Berge, die Schluchten, die Küste und das weite Meer bis zum Horizont. Irgendwann trieb es ihm die Luft aus den Lungen,ihr nicht. Er spürte die Grenzen. Seine Hüften begannen zu schmerzen, sein Gang verlangsamte sich und selbst als sie den Stufenweg hinauf nach Benimaurell liefen, geriet dieser Weg zur süßen Qual. Der Schmerz zwang zum Innehalten, die Sicht und die Sonnenstrahlen zum Staunen über die Pracht dieser Berge. Sie genossen diese Blicke und weideten sich stolz an ihrer Kraft als Endsechziger diese Wege bewältigen zu können. Als sie dann endlich in Fleix ins Auto stiegen und nach Pedreguer zurückfuhren, waren sie uneendlich schlapp. Er stieg noch in den SwimmingPool bei 13 Grad, was die Lebensgeister auch nicht vollständig zurückbrachte und sie genossen dann noch die Artischocken vom Markt in Denia, die sie während ihres Aufenthalts immer vom selben Stand holten. Es war ein Genuß, sie mit dem Rosmarinkartoffeln zu verspeisen, die ihnen den Geschmack und den Duft des Valle de Laguar vergegenwärtigten. Dort war der Rosmarin allgegenwärtig.Und der Duft der vielen aufblühendem Blumen und Sträucher aus dem Valle kamen ihnen wieder in den Sinn.
Nachdem er am nächsten Morgen seine Bahnen im Swimmingpool geschwommen hatte, las er das Buch, das Norbert und Brigitte ihm geschenkt hatten, durch. Er konnte sich nicht sattlesen an dieser dichten Erzählweise, an diesen hintergründigen Gesprächen, an dieses Abgleiten in surreale Welten und er dachte an Ruprecht Scheldrakes Gedächnismatrix, an die Frage, wie griffig Ahnung und Traum waren, ob die Zeit vorwärts und rückwärts gedacht werden konnte und dabei in sich zusammenfiel zu einer Essenz des Seins. Ob das zu tun hatte mit den Ängsten und Gedanken, die über Generationen Familien beherrschten, ihnen Kraft und Bestimmung gaben zu Friedenszeiten oder im Krieg. Drohend lag die Zeit vor ihnen. Überall broddelte es, die Fakten schienen abgeschafft, im Internet und der Politik gab es eine virtuelle Wahrheit, die so dumm, so aufgewühlt brutal daherkam, dass es ihn schauderte. Und doch genoss er die Ruhe und dachte, dass es eine Zeit gab zum Atemholen, zum Nachdenken, zum Auftanken für ethische Werte für ein kleines, bescheidendes Glück. Er hatte es. Seine Familie hatte es und er schöpfte Kraft aus diesen schier unerläßlich sprudelnden Quellen. Wann sollten sie ein Ende finden? Morgens stand er auf und dachte: "Das Leben ist schön" und schwamm seine Bahnen vor dieser unvorstellbaren Kulisse durch den Swimmingpool. Und kamen ihm die Gedanken: Was hatte seine Familie erlebt. Die Broder's, die Johannes, die Martins, die Martens, die Boys und die Christians. Namen, die die Familie beherrschten über die Jahrhunderte. Es war als ob mit den Namen, Gedanken, Ideen und Ideale über die Generationen vererbt wurden.
Neuenkirchen
Das war dann doch zu viel. Brennende Zigaretten fielen auf die jungs vom balkon ganz oben. Im Garten fanden sie Zeitschriften mit eindeutigen Männerfotos. Und wenn sie auf Entzug waren, waren sie ungenießbar. Im Dilirium wollten sie die Familie am liebsten adoptieren. Das war vielleicht noch schlimmer zu ertragen. Und dann hatten sie begonnen, die Miete in regelmäßigen Abständen zu erhöhen. Da haben sie sich auf die Suche begeben nach einem neuen Heim. In Neuenkirchen waren sie fündig geworden. Am Rande des Dorfes fanden sie einen Resthof. Als sie auf dem Hofplatz standen, hatten sie noch überlegt, ob es sich überhaupt lohnen würde, das Haus zu besichtigen, doch drinnen waren sie begeistert von den renovierten Räumen, vom fast mediterran eingerichten Wohnzimmer. Der Garten mit dem uralten Apfelbaum, mit dem Pfirsichbaum und den Gemüsebeeten, der Hofplatz und der große Stall hatten ihnen so gefallen, dass sie sich begeistert in das neue Abenteuer stürzten. Getestet hatten sie vorher bereits, ob es praktikabel wäre mit dem Fahrrad nach Rheine zum Bahnhof zu fahren. Und dann hatte er sich sein erstes Liegerad, hergestellt in einer kleinen Münsteraner Manufaktur, gekauft. Relax hatte der Macher das Teil gekauft. Relax: das könnte ein Motto sein für ihr Zusammenleben. Kristina und Johann waren jetzt auf dem Weg in ihr neues Heim. Kristina hatte einen Umzugswagen gemietet, der viel zu klein war. Also mußte noch ein 3Tonner hinzugemietet werden. Ihr Schwager Helmut half, genauso wie zwei Leute, die sie bei der studentischen Vermittlung abgerufen hatten. Einer war Student, der andere nicht. Der Student hielt der Belastung eine halbe Stunde stand. Dann flüchtete er. Der andere hatte viel Power, insb. als er eine kleine Wand, die Johann einst in der alten Wohnung in einen Doppeltürrahmen gezimmert hatte, mit seinen Fäusten abreißen durfte. Nun saßen sie im Dreitonner und fuhren durch die enge Straße. Daß Johann den Außenspiegel an einem parkenden Sprinter beschädigte, war ihm , dem Bauernjungen, der mit 'Treckern' groß geworden war, ausgesprochen peinlich. Nun auf der Kanalstraße begannen sie sich zu unterhalten. Die Powerfaustr w Leben und von seinen Knasterfahrungen. Was er denn wohl verbrochen hätte, wollte mein Schwager wissen. " Ich bin zu schnell mit dem Auto durch einen Ort gefahren.", war seine Antwort.
Mobbing
Ich bin der Junge, den sie fast 2 Jahre gemobbt haben, sagte er. Ihr sagt:Was sind schon 2 Jahre in einem ganzen Leben. Ich bin jetzt fast 70 Jahre und da ist die Zeit ein angeblicher Fliegenschiss. Nein, für mich ist es mehr. Damals war es mein Leben, die tagtäglich Wiederholung ließ meine Seele schreien, mich verzweifeln. Mit 6 lernst Du die Welt kennen, Deine Synapsen, Dein Gehirn bildet sich aus und dieses Erleben brennt sich heulend in Dein sich prägendes Gehirn. Ein Mädchen war der Dämon, der Dich umklammert, Dir den Atem nahm, die Freiheit zur Freude, zum unbeschwerten Miteinander. Und in dieser Tag ist jeder Tag ein Leben, ein Tod, der alles ist. Keiner hätte die Kraft Dir zu helfen, ob sie nun Kinder wären oder Erwachsene, ob sie mit gelitten haben oder ob sie gleichgültig wären. Tag für Tag stand meine Mutter am Ende dieses Weges, um mich zu erlösen. Aber nur für den Nachmittag. Am nächsten Tag geht es von vorne los. Sie konnte mich nicht vor den Übergriffe schützen.
Er klammerte sich an sie, umfasste mit seinen kurzen Armen die Hüfte seiner Mutter und suchte verzweifelt Schutz und Liebe. Sie gab ihm die Liebe und Wärme, die ihn stark und weich machen würde, behutsam und empfindsam. Aber sie wußte, dass sie ihn nicht schützen konnte. Hineingeboren in eine brutale Welt, Schulwelt, mußte er da durch. Mit 6 Jahren bohrte sich der Schmerz, die Trauer, die Wut in seine Seele. In diesem Dorf, in jedem Dorf in dieser Region lebt der Fliegenschiss fort, äußert sich in seiner Alltäglichkeit, in seiner geistigen Enge, in seiner Gehässigkeit ihm gegenüber, dem kleinen Jungen, der Tag fürTag auf dem 3 km langen Weg von der Schule nach Hause gequält und gedemütigt wurde. Was hatte er für ein Problem, wegen dem sie ihn mobten? Ein wenig ungelenk war er und er ließ alles geschehen ohne sich zu wehren. Sie schlugen ihn, sie ohrfeigten ihn, kratzten und bissen. Sie quälten ihn.
